Hilfe, mein Chef ist ein Tyrann! – Ein Survival-Guide für Projektteams und Führungskräfte!


Hilfe, mein Chef ist ein Tyrann! – Ein Survival-Guide für Projektteams und Führungskräfte

Es ist Sonntagabend. Der Magen krampft sich leicht zusammen. Nicht wegen des Abendessens, sondern wegen des Gedankens an den Montagmorgen. Wir alle kennen Geschichten von schwierigen Chefs. Aber in der schnelllebigen Projektwelt, wo Deadlines drücken und Budgets knapp sind, kann ein „schwieriger Chef“ schnell zum toxischen Tyrannen werden.

Dieser Artikel richtet sich an drei Gruppen: Diejenigen, die unter einem solchen Chef leiden, diejenigen, die Angst haben, selbst einer zu werden, und jene, die gerade auf der Suche nach einem neuen Job sind und genau das vermeiden wollen.

1. Die Perspektive des Mitarbeiters: Stakeholder-Management im Minenfeld
Als Projektmanager oder Fachexperte bist du es gewohnt, Risiken zu managen. Ein cholerischer oder manipulativer Vorgesetzter ist im Grunde ein „Hochrisiko-Stakeholder“. Hier sind Strategien, wie du professionell überlebst, ohne deine geistige Gesundheit zu opfern.

Phase 1: Die „Grey Rock“-Methode (Emotionale Distanz)
Ein Tyrann nährt sich oft von Reaktionen – Angst, Rechtfertigung oder Gegenwehr.

Fachlich ausgedrückt: Bewahre professionelle Distanz. Lass dich nicht in emotionale Eskalationen ziehen.

Einfach gesagt: Werde so langweilig wie ein grauer Stein. Antworte kurz, sachlich und emotionslos. Wenn kein „Drama“ zurückkommt, wird es für den Tyrannen oft uninteressant.

Phase 2: Dokumentation ist deine Lebensversicherung
In Projekten dokumentieren wir Fortschritte. Bei toxischen Chefs dokumentieren wir Verhalten.

Das Protokoll: Schreibe genau auf, was wann gesagt wurde. Wer war dabei? Was war die Anweisung?

Wer schreibt, der bleibt: Bestätige mündliche Anweisungen immer per E-Mail: „Lieber Chef, wie gerade besprochen, werde ich Projekt X vorziehen und Y liegenlassen. Bitte um kurze Bestätigung.“ Das nimmt ihm die Möglichkeit, später zu behaupten, du hättest eigenmächtig gehandelt.

Phase 3: Die Ultima Ratio – Wann du gehen musst
Manchmal hilft alles „Managing Upwards“ nichts. Es gibt einen Punkt, an dem du die Reißleine ziehen musst.

Du solltest kündigen, wenn:

Deine Gesundheit leidet: Schlafstörungen, Angstzustände oder körperliche Symptome sind rote Linien. Kein Job der Welt ist einen Burnout wert.

Ethische Grenzen überschritten werden: Wenn du zum Lügen, Betrügen oder Mobben gezwungen wirst.

Das Selbstwertgefühl zerbricht: Wenn du anfängst zu glauben, dass du wirklich so inkompetent bist, wie dein Chef behauptet (Gaslighting).

2. Der Blick in den Spiegel: „Bin ich etwa der Tyrann?“
Hand aufs Herz: Niemand steht morgens auf und plant, ein schlechter Chef zu sein. Oft sind es Druck, Unsicherheit oder fehlende Reflektion, die uns dazu machen. Wenn du Führungskraft bist, achte auf diese Warnsignale.

Anzeichen, dass du auf dem Weg zur „Dunklen Seite“ bist:

Schweigen im Walde: Wenn du den Raum betrittst oder in ein Zoom-Meeting kommst, verstummen alle privaten Gespräche sofort. Niemand widerspricht dir mehr fachlich.

Fachlich: Es herrscht keine „Psychologische Sicherheit“ (Psychological Safety) mehr im Team.

Micromanagement: Du kontrollierst jeden CC in E-Mails und vertraust niemandem, Aufgaben selbstständig zu erledigen.

Hohe Fluktuation: Die guten Leute gehen, ohne dass sie ein besseres Gehaltsangebot haben. Menschen verlassen selten Unternehmen, sie verlassen Vorgesetzte.

Der "Ich"-Faktor: Wenn ein Projekt gelingt, sagst du „Ich habe das gemacht“. Wenn es scheitert, sagst du „Das Team hat versagt“.

Der Weg zurück: Frage dein Team aktiv: „Was kann ich tun, um euch die Arbeit zu erleichtern?“ und – das ist der schwere Teil – hör zu, ohne dich zu rechtfertigen.

3. Der Pro-Tipp für Bewerber: Wie man die Katze im Sack vermeidet
Du bist auf Jobsuche und willst nicht vom Regen in die Traufe kommen? Im Vorstellungsgespräch zeigen sich alle von ihrer Schokoladenseite. Aber es gibt eine Frage, die tief blicken lässt.

Die Frage, die du stellen musst:

„Wie ist das Feedback-System für Führungskräfte in Ihrem Unternehmen etabliert? Gibt es regelmäßige 360-Grad-Feedbacks oder Mitarbeiterbefragungen zur Führungskultur?“

Warum diese Frage so mächtig ist:

Reaktion A (Gut): Der Personaler oder Hiring Manager erklärt dir stolz den Prozess, wie Führungskräfte bewertet und entwickelt werden. Das zeigt: Führungskultur ist hier wichtig.

Reaktion B (Warnsignal): Man stammelt, weicht aus oder sagt: „Wir haben eine Open-Door-Policy, das reicht.“ Das bedeutet oft: Niemand kontrolliert, wie die Chefs sich benehmen. Solange die Zahlen stimmen, darf der Tyrann herrschen.

Fazit
Ein toxischer Chef ist eine Belastungsprobe. Für Angestellte gilt: Schützt eure Psyche durch Distanz und Dokumentation, aber zögert nicht zu gehen, wenn es krank macht. Für Chefs gilt: Reflektiert euch, bevor ihr gefürchtet werdet. Und für Bewerber: Stellt die unangenehmen Fragen vorher, damit ihr später nicht die Leidtragenden seid.

Arbeit ist ein Teil des Lebens, aber sie sollte nicht das Leben zerstören.



Checkliste: Red Flags & Führungskultur im Bewerbungsgespräch

Diese Liste hilft dir, hinter die glänzende Fassade der Arbeitgebermarke (Employer Branding) zu blicken und herauszufinden, ob dort psychologische Sicherheit herrscht oder ob ein Tyrann regiert.

1. Die Vorbereitung (Digital Body Language)

Bevor du überhaupt den Raum betrittst, kannst du online Spuren lesen.

  • [ ] Kununu/Glassdoor-Musteranalyse:

    • Fachlich: Achte nicht auf einzelne schlechte Bewertungen (Rachebewertungen gibt es immer), sondern auf Muster.

    • Warnsignal: Tauchen Begriffe wie „Vetterleswirtschaft“, „Choleriker“, „keine Wertschätzung“ oder „Top-Down-Mentalität“ gehäuft auf?

  • [ ] LinkedIn-Stalking (Fluktuationsanalyse):

    • Fachlich: Prüfe die durchschnittliche Verweildauer (Tenure) im Team.

    • Warnsignal: Wenn im Team deines potenziellen Chefs alle Mitarbeiter nach 10–18 Monaten wieder weg sind, ist das ein massives Warnzeichen. Menschen verlassen Vorgesetzte.

2. Im Gespräch: Die Fragen an den Chef (Auditing)

Wenn dein zukünftiger Vorgesetzter dabei ist, stelle diese Fragen. Achte nicht nur auf was er sagt, sondern wie er es sagt.

  • [ ] Die System-Frage (aus dem Blogartikel):

    • „Wie sieht das Feedback-System für Führungskräfte bei Ihnen aus? Wie erfahren Sie, ob Ihr Team zufrieden ist?“

    • Red Flag: Ausweichen, verdutztes Schweigen oder „Meine Tür steht immer offen“ (das ist kein System, das ist eine Floskel).

  • [ ] Die Fehlerkultur-Frage:

    • „Können Sie mir von einem Fehler erzählen, der im Team im letzten Jahr passiert ist, und wie damit umgegangen wurde?“

    • Red Flag: „Bei uns passieren keine Fehler“ (Lüge) oder die Schuld wird sofort einer Person zugeschrieben („Da hat Herr Müller nicht aufgepasst“).

  • [ ] Die Konflikt-Frage:

    • „Wie werden Entscheidungen getroffen, wenn es im Team unterschiedliche fachliche Meinungen gibt?“

    • Red Flag: „Am Ende entscheide ich, ich trage ja den Kopf hin.“ (Indiz für autokratischen Führungsstil).

  • [ ] Die Nachfolge-Frage:

    • „Warum ist diese Stelle vakant geworden?“

    • Red Flag: Schlechtes Reden über den Vorgänger („Der war dem Druck nicht gewachsen“).

3. Im Gespräch: Die Beobachtung (Non-verbale Signale)

Hier verlassen wir die Sachebene. Achte auf die Gruppendynamik.

  • [ ] Der Redeanteil:

    • Redet der Chef 80% der Zeit nur von sich und seinen Erfolgen? (Narzissmus-Verdacht).

  • [ ] Der Umgang mit HR/Kollegen:

    • Fällt der Chef dem HR-Mitarbeiter oder Fachkollegen ins Wort? Rollt er mit den Augen, wenn andere sprechen?

    • Einfach gesagt: Wer nach unten tritt, wird auch dich treten, sobald du „unten“ (also eingestellt) bist.

  • [ ] Die "Familien"-Lüge:

    • Betonen sie ständig: „Wir sind hier wie eine Familie“?

    • Übersetzung: Das bedeutet oft: Wir erwarten unbezahlte Überstunden, emotionale Abhängigkeit und respektieren keine Grenzen. In einem Profi-Team sind wir kein Familie, sondern ein Leistungsteam, das sich vertraut.

4. Das Bauchgefühl (Intuition)

Manchmal sendet unser Gehirn Warnsignale, bevor wir sie logisch erklären können.

  • [ ] Der "Sonntagabend-Test" (im Vorfeld):

    • Fühlst du dich nach dem Gespräch energiegeladen oder ausgelaugt?

    • Hattest du das Gefühl, eine Prüfung bestehen zu müssen, oder war es ein Dialog auf Augenhöhe?

  • [ ] Druck beim Vertragsangebot:

    • Wirst du unter Druck gesetzt, sofort zu unterschreiben? („Wir haben noch drei andere Kandidaten, wir brauchen bis morgen früh Bescheid.“) – Tyrannen lieben Druckmittel.


Tipp zur Anwendung: Nimm diese Liste (oder die Fragen daraus) ruhig mit ins Gespräch. Ein guter Chef wird beeindruckt sein, dass du dir Gedanken über die Kultur machst. Ein toxischer Chef wird sich dadurch bedroht fühlen – und damit hast du deine Antwort sofort.





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